Winterkongress 2019

Ethik, Wissenschaft & Gesellschaft
Vortrag Einstieg

Emotionale Beziehungen mit nicht-menschlichen Formen des Gegenübers

Janina Loh

Beginn um 17:00 Uhr
im Raum Blaues Foyer (2. OG),
Dauer: 30min

Menschen haben eine faszinierende Fähigkeit: Sie können Beziehungen eingehen. Sie binden sich an ein Gegenüber, das in manchen Fällen gar nicht konkret sein muss und in zahlreichen anderen Fällen noch nicht einmal menschlich. So vielfältig die Arten des Kontakts, der sich etwa in Geschäfts-, Liebes-, sexuellen und freundschaftlichen Beziehungen realisiert, so facettenreich das mögliche Gegenüber: Menschen erkennen Tiere als Familienmitglieder an, um deren Ableben sie trauern, sie spielen ihren Zimmerpflanzen auf der Violine vor, um ihr Wachstum anzuregen, sie hängen über Jahrzehnten an ihren Schnuffeldecken und geben ihren Autos Namen. Glaubt man Hannah Arendt, liegt das vielleicht daran, dass Menschen bereits in ihrem Denken niemals gänzlich allein, immer schon an ein imaginiertes Gegenüber gebunden sind. Arendt nennt diese Tatsache menschlichen Daseins das innere Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst. Und jede Beziehung, die ein Mensch eingeht, ist Ausdruck davon.

Das gilt auch für Beziehungen zu Unbelebtem. Objekte wecken unterschiedliche Gefühle in uns, sie vermitteln Geborgenheit, leisten Gesellschaft oder regen uns auch mal auf. Ganz ehrlich: Wer von Ihnen hat noch niemals den Computer angeschrien, wer besitzt eine Lieblingstasse, eine Glückssocke oder spricht mit dem alten Spielzeugteddy? Einige von uns gehen sogar intime Verbindungen mit Objekten ein: So heiratete Aaron Chervenak 2016 in Las Vegas sein iPhone und die Berlinerin Michelle lebt seit 2014 in einer festen Partnerschaft mit einer Boeing 737-800. Die beiden sind da-mit Mitglieder einer seltenen Gruppe von Menschen, denen Objektophilie ›diagnostiziert‹ wird, also eine ungewöhnlich stark ausgeprägte emotionale Bindungsfähigkeit an bestimmte Gegenstände. Entgegen der gängigen Reaktionen, über solche und ähnliche Fälle zu lachen, empört den Kopf zu schütteln oder sie als pathologisch bzw. ›verrückt‹ abzutun, interpretiere ich sie als ehrliche, wenngleich auffällige Beispiele der besagten Fähigkeit, Beziehungen nicht nur zu jedem (Menschen und Tier) sondern auch zu allem (Unbelebten und Objekthaften) eingehen zu können.

Im ERSTEN TEIL meines Vortrags werde ich klassische philosophische Ansätze für die emotionale Bin-dung an ein (menschliches bzw. nicht-menschliches) Gegenüber untersuchen, nämlich Aristoteles, Michel de Montaigne und Hannah Arendt. Ich werde einen kurzen Überblick über die wichtigsten philosophischen Argumente geben, die diese Denker*innen für Freundschaft und Liebe als Konzepte geben, die ausschließlich den Menschen und Beziehungen zwischen Menschen vorbehalten sind, bevor ich im ZWEITEN TEIL die Herausforderungen aufzeigen werde, vor die sich diese drei Ansätze gestellt sehen: Essenzialismus, Wesensgleichheit und Anthropozentrismus. Im DRITTEN TEIL schließlich möchte ich mit einer kurzen Einführung in die heterogene Agenda des kritischen Posthumanismus geben – und insbesondere die Ansätze von Donna Haraway Rosi Braidotti vorstellen –, um einen integrativen Ansatz als Teil einer posthumanen Kultur skizzieren zu können, die Freundschaften und Liebesbeziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen (v.a. Maschinen) ermöglicht.

 
Weiterführende Informationen:
 

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