Grundrechte wahren!

Grundrechte wahren!

Das Nachrichtendienstgesetz (NDG) soll revidiert werden und der Geheimdienst neue Überwachungsbefugnisse erhalten. Gegen die Gesetzesrevision wehren wir uns zusammen mit anderen Schweizer NGOs. Für die Koordination und die Kampagne benötigen wir über 60'000 Franken – wovon 20'000 Franken noch fehlen.

Hilf mit, den Geheimdienst zurückzubinden!

34%
Bereits 6'880 von 20'000 Franken erhalten 80 Spenden erhalten noch 35 Tage
Kreditkarte Kreditkarte Postkarte Postkarte

QR-Rechnung als PDF

Digitale Gesellschaft
4000 Basel
CH4009000000159933511
BIC: POFICHBEXXX

Geschichten zur Vorratsdatenspeicherung & Überwachung: «Kramer» von Tobias Foppe

Mitte Dezember wurden die besten Geschichten aus dem Schreibwettbewerb «Vorratsdaten und Überwachung» prämiert. In einer losen Folge werden hier einige Texte veröffentlicht, die alle unter einer CC BY-SA-Lizenz stehen. Los geht es mit dem Gewinnertext. Nochmals herzliche Gratulation.


«Kramer» von Tobias Foppe

Die kleine Wohnung ist überfüllt. Der junge Mann mit den wirren Haaren sitzt mehrfach auf der Couch und telefoniert. Er sitzt auch auf dem Stuhl an dem abgewetzten Schreibtisch und telefoniert. Er trägt eine lange schwarze Hose und ein rotes T-Shirt und steht telefonierend am Fenster, mit kurzer Hose und grünem Polo-Shirt steht er telefonierend auf dem Balkon.

Kramer stellt sich neben ihn und atmet tief ein. Nur ganz kurz rechnet da irgendetwas in ihm, irgendwo in den kaum beachteten Außenbezirken seines Verstandes, damit, hier draußen eine andere, eine frischere Luft atmen zu können als in der überfüllten Wohnung.

Aber auch da draußen riecht es, wie es in Behörden eben riecht, nach Raumspray, Druckerschwärze und Kaffee.

Der junge Mann steht neben ihm und telefoniert und er steht am anderen Ende des Balkons und telefoniert. Ebenso sitzt er mehrfach auf den beiden Gartenstühlen und ebenso liegt er auf der über den Balkon gespannten Hängematte, telefonierend, lautlos und ohne die Lippen oder sonst etwas zu bewegen.

Kramer schaut in die Wohnung. Die Einrichtung basiert weitestgehend auf von statistischen Erhebungen gestützten Mutmaßungen. Ein allein lebender Mann mit seinem Einkommen sollte in etwa über eine solche Einrichtung verfügen. Kramer kann sich gut vorstellen, dass sie in Wirklichkeit noch ärmlicher ist. Die Größe der Wohnung aber ist sogar in Zusammenarbeit mit der sozio-ökonomischen Abteilung exakt ermittelt worden.

Der junge Mann mag bescheiden gewesen sein, dennoch kann Kramer sich nicht vorstellen, dass er sich hier wirklich wohlgefühlt hat. Auf der Couch sitzt er und telefoniert und auf seinem eigenen Schoß sitzt er gleich mehrfach und telefoniert.

Dutzende Abbilder müssen da übereinander sitzen, aber von den meisten von ihnen schimmern nur bunte Fetzen ihrer Kleidung aus dem Stapel hervor und die Mienen der zuoberst sitzenden jungen Männer sind teilnahmslos und leer. Aber darauf kommt es ja auch nicht an. Als Vorlage der Gesichter der Abbilder diente ein nach strengen Vorgaben angefertigtes Passfoto und die Aufenthaltsortung ist auf Zentimeter genau, das muss Kramer anerkennen.

In der kleinen Küche stehen ein Dutzend Junge-Männer-Abbilder neben-oder ineinander und telefonieren, nur das winzige Badezimmer ist tatsächlich leer. Kramer verlässt die Wohnung. Im Flur und im Treppenhaus ist niemand. Er tritt aus dem Haus und dreht sich um; eine überraschend schöne Fassade, denkmalgeschützt, wie ihm eine Plakette neben der Haustür verrät. Welche Rolle das jemals bei Ermittlungen spielen könnte, ist ihm schleierhaft. Aber vielleicht mangelt es Kramer da auch nur an Phantasie; auch unwichtig Erscheinendes solle gemeldet werden, heißt es immerhin auch meistens in polizeilichen Aufrufen zur Auffindung von potentiellen Zeugen.

Aus den Außenbezirken seines Verstandes kommt nun der Vorschlag, die Plakette als Trost anzunehmen. Als sei das Leben in einem von denkmalgeschützter Fassade umhüllten Loch komfortabler als das Leben in irgendeinem anderen Loch.

Auf einer Bank neben einem ungepflegten Beet sitzt der junge Mann und telefoniert, links und rechts neben der Haustür steht er auch, telefonierend.

Kramer geht die Straße entlang. Vor dem Eingang eines Kiosks sieht er den jungen Mann telefonieren, schräg gegenüber ist er auch zu sehen, telefonierend.

Kramer biegt in eine Seitenstraße ein. Ein italienisches Restaurant, eine Eckkneipe, ein Mehrfamilienhaus.

Niemand zu sehen. So wie hier könnte es nach einer Epidemie aussehen – das leise Pfeifen eines Windes wäre hier angebracht, eines, das nur deshalb zu hören ist, weil nichts und niemand da ist, um es zu übertönen.

Kramer bewegt den Cursor langsam über den Bürgersteig: das sieht ein wenig aus wie ein Papierfetzen im schwachen Wind, eine einsame Bewegung.

Dass keiner der Junge-Männer-Figuren mit den wirren Haaren in dieser Straße zu sehen ist, dass er, für den hier ermittelt wurde, sie möglicherweise meidete, verwundert Kramer nicht; die Eckkneipe sieht nicht so aus, als würde sie von Leuten aufgesucht werden, an deren Gesellschaft der junge Mann hätte interessiert sein können und das Restaurant wird ihm wohl zu teuer gewesen sein – sogar an den Glaskasten mit der Speisekarte wurde gedacht.

Es gibt etwa zwanzig Gerichte im Angebot, das günstigste kostet immerhin vierzehn Euro.

Dass da einer der Programmierer oder ein anderer Mitarbeiter eigens die Preise des Restaurants recherchiert hat – das kommt Kramer wieder etwas übertrieben vor, aber, wie gesagt, vielleicht mangelt es ihm da an Phantasie und vielleicht sind diese Informationen ja auch im Rahmen einer Intensivermittlung für einen anderen Bewachten, der in derselben Gegend wohnt, ins System eingefügt worden.

An der S-Bahnhaltestelle hängt auch ein vollständiger Fahrplan. Das leuchtet Kramer eher ein, das scheinen ihm Details von höherem Relevanzpotential zu sein. Der junge Mann steht neben und vor dem Wartehäuschen und er sitzt mehrfach auf der Plastikbank in dem Wartehäuschen, ineinander und übereinander, und telefoniert.

Kramer summt das Gekreische der Streicher in der Duschszene aus „Psycho“ nach und sticht mit dem Cursor auf den jungen Mann vor dem Wartehäuschen ein.

Kramer spürt ein Spannen der Haut auf seiner Wange, die sich, seitdem er kaum noch schläft, nur noch knittrig und trocken anfühlt. Umso stärker fühlt er die Bewegung der Muskeln in seinem Gesicht, ein leichtes Brennen – kurz muss er die Grimasse gezogen haben, mit denen er früher seinen Sohn zum Lachen gebracht hat, mit Kämmen oder Bleistiften fuchtelnd, die „Psycho“-Musik pfeifend.

Der junge Mann vor dem Wartehäuschen aber bleibt natürlich starr und stumm und hält weiter das Mobiltelefon an sein Ohr und auch sein leerer Blick füllt sich nicht. Was das angeht, hält sich die Designabteilung zurück – die Leute da sind angehalten worden, nur emotional neutrale Figuren zu gestalten und die Mimik der Personen auf den eingespeisten Passfotos nicht zu manipulieren.

Eine bewachte Person hier aufgrund von Mutmaßungen wütend, dort gelassen, da traurig darzustellen wäre eine potentielle Beeinflussung der Ermittler, heißt es. Sollte die emotionale Verfassung von Bewachten aber doch einmal eine Rolle bei den Ermittlungen spielen, kann jederzeit auf deren persönliche Korrespondenz zurückgegriffen werden. Oft geschieht das aber auch nach Anfragen aus der Werbeindustrie – die bieten den Bewachten dann gerne Produkte an, die genau zu deren jeweiligen Stimmung passen.

Kramer hat schon bei der Behörde gearbeitet, als sie noch nicht so weitreichende Befugnisse besaß. Damals wären solche Anfragen wahrscheinlich abgelehnt worden. Spätestens seit der Teilprivatisierung der Behörde aber gibt es ständig solche Anfragen und die wenigsten werden abgelehnt und das auch nur dann, wenn sie immune Personen betreffen oder wenn die Anfragenden nicht in der Lage sind, die anfallenden Bearbeitungsbeiträge zu zahlen, die, das muss Kramer zugeben, selbst für Privatpersonen, die nur Einzelanrufsermittlungen anfordern, gar nicht so unerschwinglich sind. Eifersüchtige Eheleute etwa können gegen nicht allzu übertriebene Beträge jederzeit erfahren, mit wem ihr Partner zu irgendeinen Zeitpunkt telefoniert haben.

Erst für Einblicke in die Gesamtbewachung von Personen, zum Beispiel in die Gesamtchronik der getätigten Anrufe, Ausgaben und Aufenthaltsorte oder für Daten aus Krankenakten oder Führungszeugnissen werden Beträge fällig, die sich nur bestimmte Organisationen und nur sehr wenige Privatpersonen leisten können. Ein „Informationssozialismus“, wie Ebers aus der Dienstüberwachung das gerne nennt, ist das nicht. Aber seit zwei Wochen hadert Kramer kaum noch mit diesen Verhältnissen.

Der junge Mann vor dem Wartehäuschen trägt ein graues Jackett und eine schwarze Anzughose. Kramer führt den Cursor ans Revers des Jacketts. Sieht ganz schick aus. Obwohl es ihm eigenartig vorkommt, dass sein Sohn so etwas getragen haben soll. Aber die Kleidung der Figuren basiert auf automatisch ins System weitergeleiteten Daten aus der Ausgabenermittlungsabteilung. So wird Marius sich also wirklich zuletzt gekleidet haben. Kramer drückt die linke Maustaste.

Eine Kasten mit Zahlen und Buchstaben erscheint über den wirren Haaren seines Sohnes: Dauer des Gesprächs, genaue Aufenthaltsorte des Bewachten während des Gesprächs, Gesprächspartner, Ermittlungsstatus des Gesprächspartners…

Kramer klickt die Zeile mit der Bezeichnung „GESPRÄCHSKONTAKT: KARINA NÄHTE (VVSE)“ an.

Die Welt um ihn herum löst sich auf.

Kramer steht in einem gleißend weißen Nichts, etwa eine Sekunde lang.

Dann befindet er sich in einem kleinen Zimmer mit Holzparkettboden. Ein großes Regal voller Bücher teilt den Raum. Das Regal und seine Position sind, weil auch das hier nur das vorläufige Ergebnis einer Standardermittlung ist, wahrscheinlich reine Mutmaßung, die Größe des Raums und die ungefähre Anzahl der Bücher wurde dagegen von den Kollegen aus der sozio-ökonomischen Abteilung und der Abteilung für Ausgabenermittlung recherchiert. Auch die einzelnen Buchtitel wurden so festgehalten.

Auf den meisten Buchrücken kann Kramer die Titel lesen; größtenteils Romane von wichtigen Autoren der letzten Jahrzehnte: Michel Houellebecq, Philip Roth, Roberto Bolano, David Foster Wallace, Elfriede Jelinek.

Er streicht mit dem Cursor über die Buchrücken. Einige sind unbedruckt; statistisch unterfütterte Mutmaßungen.

Es ist anzunehmen, dass eine Person, die so viele Bücher im von der Ausgabenermittlung einsehbaren Handel kauft, zusätzliche Bücher aus Quellen bezieht, die nicht im Rahmen einer Verdachtsverminderten Standardermittlung (VVSE) nachvollzogen werden können: aus dem Antiquariat etwa, dem Flohmarkt oder aus Schenkungen.

Er weiß hier aber auch nicht so recht, warum die DA die unbekannten Bücher nicht einfach weggelassen hat.

Kramer wundert sich ohnehin noch manchmal darüber, dass eine Behörde wie diese überhaupt über eine Designabteilung verfügt.

Er bewegt sich um das Regal herum. Erst jetzt sieht er das schmale Bett an der mit roter Tapete bedruckten Wand. Da liegt jemand, jemand schlankes, mit einem Pyjama bekleidetes.

Eine Frau muss es wohl sein, das legt das Jane-Doe-Gesicht nahe. Auf dem Kissen ruht ein nachlässig gestalteter Kopf, umhüllt von einem dünnen, blonden, Haarmantel. Das Gesicht ist kaum mehr als ein dreidimensionales Strichgesicht, also eigentlich ein Gesicht aus Stäbchen oder wie auch immer man einen dreidimensionalen Strich nennen soll.

Jane Doe, John Does Schwester – die Platzhalterin, die Unbekannte, die, die immer da ist, wenn eine aufgefundene Leiche oder eine bewachte Person noch nicht eindeutig identifiziert worden ist.

Oder wenn bei der Standardermittlung geschlampt wurde- so wie es hier, bei der Ermittlung für, ganz wichtig: für Karina Nähte der Fall zu sein scheint.

Name, Wohnort, Telefonnummer und Kaufverhalten sind eindeutig Karina Nähte zuzuordnen, der Person, die – Kramer klickt die Zeile DATUM an, unter anderem am siebenundzwanzigsten September diesen Jahres mit Marius Kramer telefoniert hat, dem jungen Mann mit den wirren Haaren.

Kramer nimmt die VR-Brille ab und holt sein Notizbuch hervor. Wie es bei den für, ja ja, für Karina Nähte unternommenen Standardermittlungen zu einer solchen Unterlassung kommen konnte, wieso da noch keiner der Beteiligten ein Passfoto von Karina Nähte eingespeist hat, das kann Kramer nicht verstehen, das macht ihn wütend, das lässt er jetzt nicht durchgehen.

Wieso auch – ihm lässt hier ja auch keiner was durchgehen.

In einer kurzen Dienstmitteilung hatte Kramer die Ermittlungen „gegen“ einen Nikolas Feisel oder Meisel oder wie der auch hieß, erwähnt, und das, obwohl es sich auch da um eine Verdachtsverminderte Standardermittlung gehandelt hatte, der niederschwelligsten Standardermittlung überhaupt und die sei ja wohl, so Ebers, ganz unzweifelhaft für den, der da bewacht wurde.

Wenn die Daten einer VVS- Ermittlung überhaupt jemals zur juristischen Anwendung kämen, dienten sie in den allermeisten Fällen der Entlastung der bewachten Personen, etwa dem Beweis ihrer Unschuld. Und dann müsse ja völlig zu Recht von einer Ermittlung für den Bewachten die Rede sein.

„Obwohl“, und nach diesem Wort redete Ebers aus der Dienstüberwachung, der Kramer mit wenigen, scharfkantig abgesägten Silben durch die Sprechanlage zu sich zitiert hatte, wieder leise und mehr mit sich selbst als mit Kramer, „obwohl auch bei einer akut verdachtsbedingten Sonderermittlung letztlich auch für den Bewachten ermittelt wird: erst wenn wir ihm ein Delikt nachweisen und ihn dafür bestrafen, kann er so auf den Weg der Läuterung gebracht werden. Und auch in den härteren Fällen ermitteln wir letztendlich für die bewachte Person. Denn wer sein Land oder sein Unternehmen verrät oder mordet, der will eigentlich gar nicht mehr leben, der trägt den Todeswunsch in sich und den erkennen wir und den erfüllen wir ihm. Ermittlungen sind also immer und in jedem Fall für jemanden. Merken Sie sich das, Kramer, ein für allemal!“

Kramer öffnet eine Schublade, holt ein Beschwerdeformular hervor, klatscht es auf die Tischplatte vor sich und sticht mit seinem Stift darauf ein.

„VVSE 09052346tg: Kein Foto der Bewachten“. Er graviert es eher in das Papier ein als dass er es schreibt.

Dann setzt er die VR-Brille wieder auf.

Kramer steht wieder neben Karina Nähtes Bett. Ihre Platzhalterfigur liegt noch immer da und telefoniert – ein wie hingekritzelt aussehendes Gesicht auf einem fotorealistischen Körper in einem fotorealistischen Zimmer.

Vielleicht erfreuen sich die Schöngeister aus der Designabteilung an diesem Kontrast, sonst hätten sie sich wahrscheinlich mehr Mühe bei der Gestaltung des Platzhalters gegeben.

Kramer schaut aus dem Fenster. Ein Garten mit Obstbäumen, dahinter eine hohe Mauer, dann die Fensterfront eines großen Mietshauses. Er dreht sich um – und schreckt zurück. Die Figur mit dem Jane- Doe-Kopf kommt auf ihn zu, immer noch telefonierend.

Die Beine bewegen sich nicht, eigentlich ist es kein Gehen, es sieht eher so aus, als würde eine bizarre Schaufensterpuppe mit vielen kleinen Ruckbewegungen durch den Raum gezogen werden. Jeder Ruck entspricht der Aktualisierung der Aufenthaltsbestimmung der bewachten Person. Zentimetergenaue Ortung, wie gesagt.

Die Augen der Figur, zwei Kreise mit schwarzen Punkten darin, starren ihn an, dann ruckelt die Figur durch ihn hindurch. Kramer dreht sich noch mal um. Unmittelbar vor dem Fenster bleibt sie stehen und löst sich im Nichts auf, aus demselben Nichts erscheint ein Kasten mit Daten:

EINZELANRUFMODUS:

Beginn des Telefonats, Ende des Telefonats, Aufenthaltskoordinaten der Bewachten während des Telefonats…

Kramer wechselt in den Gesamtanrufe-Modus. Sofort stapeln sich etliche Karina-Nähte-Platzhalter-Figuren auf dem Bett, sammelt sich ein ganzer Pulk von ihnen vor dem Fenster, stehen Dutzende um das Bücherregal herum.

Die meisten Figuren liegen neben- und ineinander verkeilt auf dem Bett. Fast ebenso viele sammeln sich, soweit Kramer das abschätzen kann, vor dem großen Fenster.

Er klickt einige von ihnen an.

Über ihren Köpfen erscheinen Kästen mit den Namen ihrer Gesprächspartner. Immer wieder steht da der Name seines Sohnes. Vielleicht hat sie, wenn sie ihn angerufen hat, sehnsüchtig aus dem Fenster geschaut, wissend, dass er irgendwo da draußen war, während ihres Telefonats vom siebenundzwanzigsten September exakt zweihundertachtundvierzig Kilometer und zweineunzig Meter von ihr entfernt, aber das wusste sie sicherlich nicht so genau wie Kramer es jetzt weiß.

Kramer weiß auch, das teilt ihm ein weiterer grauer Kasten mit, den er in der Mitte ihres Wohnzimmers aufruft, dass sie in den vergangenen zwei Jahren dreihundertvierzig Mal mit dem jungen Mann telefoniert hat, im Schnitt also etwa alle zwei Tage.

Nur weiß er nicht einmal, wie sie aussieht und seine Vorstellungskraft ist gnadenlos – sie sickert in jede Lücke ein und will sie mit Bildern ausfüllen, ganz egal, schwachsinnig die auch sein mögen. Hauptsache Bilder:

Kramer sieht seinen Sohn mit dieser grotesken Platzhalterfigur an seiner Seite, Arm in Arm, er sieht sie zusammen im Bett, ihre toten schwarzen Strichmännchenaugen starren, an Marius vorbei, an die Decke.

Kramer klickt eine der Platzhalterfiguren auf dem Bett an. Aus dem Kasten voller Zahlen und Buchstaben wählt er die Zeile GESPRÄCHSKONTAKT: MARIUS KRAMER aus und findet sich vor dem Wartehäuschen an der U-Bahnhaltestelle wieder.

Er durchsucht die Daten über dem Kopf seines… Sohnes und klickt schließlich die Zeile

VERBINDUNGSCHRONIK an. Kramer scrollt sich einige Zeilen hoch, bis zum Jahr 2006 und lässt sich den ersten überhaupt von Marius getätigten Anruf anzeigen. Klick.

Eine Sekunde lang steht Kramer wieder im Nichts, dann ist er in der Küche ihrer alten Wohnung.

Sein Sohn sitzt am Küchentisch, als Achtjähriger, auch hier ist der Ausdruck in seinem Gesicht, das das System damals aus einem Passfoto moduliert hat, leer und leblos. Kramer positioniert sich ihm gegenüber am Küchentisch und streicht mit dem Cursor über die hier noch sehr kurzen und ordentlich geschnittenen Haare. In Wirklichkeit hat er damals sein erstes Handy ausprobiert, das Kramer ihm kurz zuvor geschenkt hatte und Marius hat gelacht, das weiß er noch ganz genau.

Kramer drückt die linke Maustaste und wählt aus dem Kasten über dem Kopf seines kleinen Sohnes die Zeile GESPRÄCHSKONTAKT: MARTIN KRAMER aus. Direkt vor ihm, am Küchentisch, erscheint aus dem Nichts eine Figur mit seinem eigenen Gesicht.

„Ja, ich hör dich! Ich hör dich doppelt! Jetzt hab ich zwei Papas!“ Und dann dieses glucksende Lachen, das weiß Kramer noch ganz genau.

Rein technisch wäre da viel mehr möglich. Mit Sensoren ausgestattete Handschuhe könnten ihn alle Details dieser abgespeicherten Welt anfassen und fühlen lassen. Bei Computerspielen ist das längst Standard, aber in dieser Behörde wird das nicht als notwendig angesehen. Eine Virtual-Reality-Brille, aber dazu eine einfache Maus – lächerlich.

Das taktile Erfassen von zum Teil auf Mutmaßungen basierenden Details sei für Ermittlungen nicht erforderlich, heißt es, es gehe hier nur um das Ermitteln von aufgezeichneten Kommunikationsbeziehungen, Bankbewegungen, Aufenthaltsorten und Konsumverhalten innerhalb möglichst akkurater Abbilder der Umgebungen und der Räume, in denen all das stattfindet. Eine Abbildung der Welt, aufgebaut aus reinen, objektiven Fakten.

Und die Bewegungen der Bewachten müssen von der Anrufortung verifiziert sein. Die

Aufenthaltsveränderungen der Bewachten werden also erfasst, ansonsten bleiben ihre Figuren aber starr. Ein Heben des Arms, ein Lächeln, eine vorsichtige Berührung: all das kann die Anrufortung nicht nachvollziehen und irgendwelche auf Mutmaßungen basierende Bewegungen der Figuren wären den Ermittlungen nicht nur nicht dienlich, sie würden auch die Rechenleistung des Systems überfordern: jeder Anruf erzeugt zwei neue Figuren und jeden Tag werden Millionen von Anrufen registriert, gespeichert und visualisiert.

Kramer würde all dem als Angestellter dieser Behörde zustimmen – das macht schon alles Sinn. Aber doch ist es so jämmerlich, dem starren Abbild seines Sohnes mit einem Cursor durchs Gesicht zu streichen. Er tut es trotzdem noch einmal. Dann klickt er die zweite Verbindung aus der Gesamtchronik der Anrufe seines Sohnes an.

Die Küche, Kramers Abbild und das seines Sohnes lösen sich im Nichts auf und eine Sekunde später findet er ihn vor dem Eingang seiner Schule wieder.

Ganz allein steht er da, aber ganz so allein wird er in Wirklichkeit noch nicht gewesen sein. 12.40 Uhr war es zum Zeitpunkt seines Anrufs, zehn Minuten nach Schulschluss.

Kramer müsste nur den Gesamtteilnehmermodus anwählen, dann würde es sich vor dem Schulgebäude bevölkern, vor allem wahrscheinlich mit anderen Kindern, die auch ihren verspäteten Eltern hinterher telefonierten.

Aber er lässt seinen Sohn lieber allein auf der Treppe stehen und nähert sich ihm langsam. In Wirklichkeit war Kramer zu diesem Zeitpunkt noch im Auto auf dem Weg hierher oder vielleicht sogar noch an seinem Arbeitsplatz bei der Behörde, die sich damals noch anders nannte und weniger Befugnisse hatte als heute, aber vorausschauend schon alles tat, um den sehr viel weitergehenden Befugnissen ihrer Nachfolgebehörde eines Tages möglichst viel Material zur Verfügung stellen zu können – die sollte dann ja etwas in der Hand haben, um diese neuen Befugnisse auch zu nutzen .

Und das tut sie nun und was Kramer davon hält, das spielte noch nie eine Rolle und jetzt tut es das nicht einmal mehr für ihn selbst.

Ebers dagegen spricht von diesem ständig anwachsenden Kosmos je nach Laune wie von einer einzigen Märklinlandschaft, in der sie immer wieder was ausbessern und für die sie immer neues Zubehör geschenkt bekommen, oder eben wie von einem riesigen Komposthaufen, in dem es modert und wimmelt und der nach jedem getätigten Anruf schockgefroren wird. Und dann könnten sie das meiste von dem, was da modert oder wimmelt, näher bestimmen und, wenn nötig, dagegen vorgehen.

Kramer hätte der Analogie gerne die Luft rausgelassen – immerhin war es doch gerade das Wimmeln von Würmern und Insekten und das Modern von toten Pflanzen , das in einem Komposthaufen erwünscht war, warum also sollte man gegen eben diese Aktivitäten vorgehen? Aber Ebers war stolz auf seine Analogien und er war ein jähzorniger Hund, also ließ Kramer es bleiben.

Seit zwei Wochen interessiert Kramer das alles ohnehin nicht mehr besonders und doch ist er froh, dass er diese Zeitreise in eine stocksteif gefrorene Vergangenheit unternehmen kann. Er klickt seinen Sohn auf der Treppe an und entnimmt dem Informationskasten wie erwartet, dass der an diesem Tag vor fast vierzehn Jahren mit ihm telefoniert hat.

Kramer geht die anderen Listen durch. Insgesamt 3389 mal haben er und sein Sohn telefoniert, in den ersten zehn Jahren, nachdem Kramer ihm das Handy gekauft hatte, allein 3340 mal. In den letzten vier Jahren hatte es also nur neunundvierzig Telefonate gegeben.

Fast ist er erleichtert – er hätte vermutet, dass es noch weniger gewesen waren. Die durchschnittliche Gesprächslänge betrug allerdings nur eine Minute und siebenundzwanzig Sekunden und Kramer macht sich nichts vor: die meisten Gespräche waren eher organisatorischer Natur gewesen:

„Wann kommst Du?“ – „In fünf Minuten bin ich da!“,

oder

„Bringst Du noch Nudeln und Äpfel mit?“ – „Kein Problem!“,

oder

„Das Spiel fängt gleich an!“ – „Ich bin gleich da. Soll ich noch was mitbringen?“

Erst nachdem der Junge ausgezogen war, wurden die Telefonate länger, aber meistens hatten sie sich auch da nicht viel zu sagen gehabt. Zwischen den Sätzen hatte es lange Pausen gegeben. Die Nettoredezeit war im Schnitt also noch kürzer als die knapp eineinhalb Minuten.

Mit dem Cursor streichelt Kramer das Gesicht seines starren Jungen bis der sich im Nichts auflöst. Er könnte jetzt ziemlich genau ausrechnen, wie viel sie in den letzten vier Jahren miteinander geredet haben, auch die Anzahl und jeweilige Dauer der seltenen Besuche seines Sohnes könnte er recht genau bestimmen und dazu addieren.

Weil er fürchtet, dass diese einfache Rechnung gegen seinen eigentlichen Willen ganz automatisch in seinem Hinterkopf ausgeführt werden könnte, klickt Kramer die Statistiklisten weg und nimmt sich die dritte Telefonverbindung vor, die er und sein Sohn geteilt haben. Wieder erscheint er auf der Treppe vor dem Schulgebäude und alles sieht genauso aus wie in der Rekonstruktion des vorigen Tages.

Kramer nimmt sich vor, jede einzelne Verbindung durchzugehen und jeder starren Erscheinung seines Sohnes die Haare oder das Gesicht zu streicheln. Zunächst will er sich die Telefonate, die er mit ihm geführt hat, vornehmen, dann alle anderen. Eines nach dem anderen. Und wenn er dafür Ärger mit Ebers riskieren muss.

Immerhin ist das ja eine private Aktivität am Arbeitsplatz und dazu noch ein Missbrauch von Behördeneigentum.

Ein Telefonat nach dem anderen. Nur das letzte, das wählt er jetzt schon an. Dann wird es nicht die ganze Zeit, während er sich in winzigen Schritten durch das eingefrorene Leben seines Sohnes bewegt, drohend am Ende auf ihn warten.

Er klickt das letzte Telefonat vom zwölften Oktober 2020 an.

Sein Sohn bewegt sich seltsam ruckartig, ohne die Beine zu bewegen, über einen Bürgersteig. Seine wirren Haare, die er, vielleicht als halbherzigen Protest, auch für das Passfoto kaum gebändigt hatte, würden sich im Wind bewegen, wenn es den hier genauso gäbe wie am echten zwölften Oktober 2020. Kramer weiß genau, dass es an dem Tag windig war. Immerhin, dieser Fakt ist auch im System vermerkt, nur wurde er nicht grafisch umgesetzt.

Er klickt in der Wolke über den Haaren seines Sohnes die Zeile GESPRÄCHSKONTAKT an.

Kramer findet sich in der Wohnung von Karina Nähte wieder. Sie steht am Fenster, die schwarzen Punkte in dem Strichmännchengesicht starren nach draußen. Eigentlich ist ihre Blickrichtung reine Spekulation. Aber wenn eine Person am Fenster steht, ist wohl eher davon auszugehen, dass sie nach draußen schaut.

Kramer klickt sich zu seinem Sohn zurück.

Dass man hier nicht wenigstens gezeichnete Hände, egal wie nachlässig gestaltete und animierte Hände, haben kann. Aber das System sei ja auch kein Spielzeug. (Halt die Fresse, Ebers.)

Kramer berührt die Schulter seines Sohnes mit dem Cursor, dann das Gesicht, dann die wirren Haare. Nach drei Minuten und dreiundvierzig Sekunden löst er sich im Nichts auf, Ende der Verbindung: 16.35 Uhr.

Der Unfall passierte noch in derselben Stunde. Aber selbst wenn Kramer jetzt auf den Gesamtteilnehmermodus umschaltete und abwartete, würde er den Autofahrer nicht sehen können. Der hatte während der Fahrt nicht telefoniert – das war nicht die Unfallursache gewesen.