Die E-ID verzögert sich auf unbestimmt – ein Rückschlag für das wichtigste Digitalisierungsprojekt des Bundes. Dabei wäre die E-ID gerade im momentanen Zeitfenster wichtig, in welchem Bürger:innen immer öfter mit unsicheren und invasiven Alters- und Identitätsverifikationen konfrontiert sind. Die Digitale Gesellschaft fordert Transparenz über den Prozess, eine schnell verfügbare Offline-Registrierung und dass Bundesrat und Parlament endlich die nötigen Ressourcen sprechen, damit die E-ID so rasch als möglich zur Verfügung steht.
Die Digitale Gesellschaft setzt sich seit Jahren für eine staatliche, datensparsame und sichere E-ID ein. Die Bevölkerung hat einer E-ID mit unseren Leitplanken im September 2025 zugestimmt – ein grosser Erfolg für die digitale Zivilgesellschaft. Mit der Medienmitteilung des für die E-ID zuständigen Bundesamts für Justiz (BJ) ist nun aber unklar, per wann die E-ID verfügbar ist. Dies ist ein Rückschlag für ein Projekt, das gerade in einer Zeit wichtig ist, in der Alters- und Identitätsverifikationen leider immer öfter verlangt werden. Und das mit Tools, welche die Privatsphäre und Sicherheit der Nutzer:innen untergraben.
In der Einleitung zur Medienmitteilung schreibt das BJ:
Neueste Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz bringen zusätzliche Herausforderungen für die Erstellung einer elektronischen Identität (E-ID) mit sich. Damit der Datenschutz und die Sicherheit der Nutzerinnen und Nutzer gewährleistet bleiben, braucht es Weiterentwicklungen, welche die Einführung der E-ID zeitlich verzögern. Der Sicherheitsaspekt ist höher zu gewichten als die Einführung zum ursprünglich genannten Zeitpunkt. Unabhängig davon wird die Vertrauensinfrastruktur ihren Betrieb voraussichtlich im ersten Halbjahr 2027 aufnehmen können.
Die genannte Vertrauensinfrastruktur ist die Architektur (beispielsweise Protokolle), auf welcher Nachweisdienste wie eben die E-ID oder auch der elektronische Führerausweis aufbauen.
Fehlende Transparenz
Selbstverständlich ist es wichtig, dass das Prestigeprojekt E-ID unter Wahrung der Privatsphäre sicher umgesetzt wird und auch so genutzt werden kann. Doch die Ankündigung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.
So bleibt unklar, welche «neuesten» (!) KI-Herausforderungen als Ursache für diese Verzögerung herhalten müssen. Schon lange ist bekannt, dass Verfahren für die Online-Identifikation via Handykamera einfach ausgetrickst werden können, sei es mit Bildverarbeitungssoftware, Video-Deepfakes oder photorealistische Spielen. Diese Entwicklungen sind bekannt oder absehbar, weshalb die Digitale Gesellschaft wiederholt die rasche Umsetzung der Offline-Registrierung forderte, beispielsweise im Passbüro. Diese schon lange öffentlich bekannten Kritikpunkte können also nicht als plausible «neueste» Gründe für die Verzögerung eingebracht werden. Die mangelnde Transparenz riskiert damit unnötig das Vertrauen der Bevölkerung.
Ebenfalls soll nur die Vertrauensinfrastruktur ihren Dienst in der ersten Jahreshälfte 2027 aufnehmen, und auch das nur «voraussichtlich». Die Vertrauensinfrastruktur ist aber nur die Architektur. In der Medienmitteilung fehlt jede Information, ob und welche Prozesse im nächsten Jahr laufen werden. Insbesondere fehlt jegliche Erwähnung des Termins der Ausstellung der ersten E-ID und wie rasch danach E-IDs ausgestellt werden können. Denn ohne E-ID-Besitzer:innen wird es auch keine Online-Dienste geben, welche den Aufwand treiben, die E-ID in ihre Software und Prozesse zu integrieren und so anzuerkennen.
Denn eine E-ID ist erst dann sinnvoll, wenn sie auch breit eingesetzt werden kann. Solange nur eine handvoll Insider eine E-ID haben, werden sich die Anbieter von Plattformen verständlicherweise weigern, Schweiz-spezifische Lösungen umzusetzen, auch wenn diese aus Datenschutzperspektive noch so spannend wären. Damit sind unsere Identitätsdaten im Internet weiterhin unsicher.
Zeit nutzen
Der in der Medienmitteilung ebenfalls genannte elektronische Führerausweis könnte hier in die Bresche springen. Sie könnte, ähnlich der Drivers License in den USA, als niederschwelliges Altersverifikations- und Identifikationsdokument dienen. Die Ausstellung könnte einfacher und dezentraler vorgenommen werden, ohne die Privatsphäre oder IT-Sicherheit der Dienste zu gefährden. Und für viele Zwecke, wie beispielsweise YouTube- oder Social-Media-Altersverifikation – dürfte das Sicherheitsniveau völlig ausreichen. Über den digitalen Führerausweis mit derselben unterliegenden Technologie wie die E-ID könnten eine datenschutzfreundliche Altersverifikation rasch und breit ermöglicht werden.
Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, muss die zusätzliche Zeit von allen politischen Akteuren (Bund, Kantone, Gemeinden) dazu eingesetzt werden, dass die E-ID ab dem Startzeitpunkt breit, sicher und digital souverän nutzbar ist. Es muss die Möglichkeit geben, die E-ID auch unabhängig der geschlossenen bzw. immer geschlossener werdenden Mobil-Ökosystemen von Apple und Google zu nutzen. Auch der Schutz vor Überidentifikation sollte nachgeschärft werden, wie beispielsweise bei der AHV-Nummer. Die Barrierefreiheit muss von Anfang an gewährleistet sein.
Das Fenster schliesst sich
Das «Window of Opportunity» schliesst sich rasch. Jede Verzögerung des Projekts sorgt dafür, dass mehr Bürger:innen unsichere oder datenschutzfeindlichen Diensten ausgesetzt werden und leicht zu Opfern von Betrügern werden können. Und nichts davon kann im Interesse der Schweiz, ihrer Bevölkerung oder des Bundesamtes für Justiz sein.
Umso wichtiger ist jetzt, dass dieses wohl wichtigste Digitalisierungsprojekt des Bundes möglichst rasch breit genutzt werden kann. Die entsprechenden Ressourcen müssen schnellstmöglich zur Verfügung stehen. Ebenfalls unverzichtbar ist, dass der Bund Transparenz über die Hintergründe der Verzögerung, die nächsten Schritte und ihren Zeitplan schafft. Denn nur so schafft er es, das Vertrauen der Bevölkerung in die Infrastruktur und die E-ID zu erhalten.
